W.A. Mozert: Requiem / Domkirche St. Pölten, Juni 1997

Mozart der seltenen Art

NÖ Nachrichten, Wolfgang Tropf

Wolfgang Amadeus Mozart geht's nicht besser als den meisten Säulen-Heiligen der Musikwelt. Aber warum auch? Steht erst einmal das für's jeweilige nationale Selbstverständnis adaptierte Klischee fest, kann der arme Komponist noch so sehr im Grab rotieren: Er wird eben so gespielt, wie er zu sein hat. Wie er war, wäre doch nur störend.

So hat sich bei Mozart eine süßlich-harmonisierende Aufführungspraxis breitgemacht, die alles ebnet, was an Ecken und Kanten hervorzukommen wagt. Lieb war er, der Wolferl, nicht?
Dass es schon 1820 Stimmen gab, die Mozart ob seiner allzu scharfen musikalischen Kontraste als "stillosester aller Komponisten" bezeichneten, als "Schäfer und Krieger zugleich", ist vergessen.
Domkapellmeister Otto Kargl hatte sich bei Mozarts Requiem wieder daran erinnert und bescherte dem vollbesetzten Dom ein originelles Mozart-Erlebnis der eher seltenen Art.

Kargl entfaltete all die Zweifel und Abgründe, die laute Pracht und die stille Sehnsucht in diesem (trotz Süßmayers "Vollendung") gewaltigen Werk, ließ alle Gegensätze und Unstimmigkeiten ungedämpft aufeinander prallen, nahm in Kauf, dass er dabei Domchor und -orchester wiederholt an ihre Grenzen (und darüber hinaus) führte, und ließ trotzdem keine gröbere Ungenauigkeiten zu.
Unter den Solisten erreichten der Sopran Regine Sartoris und der Bass Herbert Pehams besondere Wirkung.

Ein großer Abend, den man durchaus als Höhepunkt in Otto Kargls nunmehr vierjähriger Tätigkeit in St. Pölten bezeichnen kann.

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