J.S.Bach: Matthäus Passion / Festspielhaus St. Pölten, 4.4.2006

Und ewig lockt die Matthäuspassion

Die Presse, Wilhelm Sinkovicz

Besetzung Matthäuspassion

Die fortwährenden Diskussionen über die Frage, womit man heutzutage Publikum in Konzertsäle locken könnte, erübrigt sich, scheint's. Es funktioniert, wie es immer funktioniert hat. Setzt man die "Matthäuspassion" aufs Programm, ist der Saal voll, so groß er auch sei und so zähflüssig die Hörer sonst auch strömen mögen. Es gibt ja tatsächlich Werke im Kanon der abendländischen Kultur, mit denen konfrontiert zu werden immer aufs Neue befruchtend wirkt. Die schon von den Zeitgenossen so genannte "große Passion" Johann Sebastian Bachs gehört jedenfalls dazu.

Wenn sie dann noch mit Geschmack und spürbarem Gestaltungswillen präsentiert wird, dann hat man mit einer Aufführung alle Zuhörer eingenommen - und wohl für zukünftige Konzertbesuche interessiert. Man muss also nichts neu erfinden, wenn man einen Otto Kargl zur Verfügung hat, der seine St. Pöltner Domkantorei wie die Grazer Capella nova zu famosen, feinfühlig reagierenden Klangkörpern geformt hat und mit diesen - im Eingangs-Chor unter Heranziehung der Sängerinnen des BRG-BORG St. Pölten - Bachs Chorsätze so innig und dramatisch wie nur möglich zum Klingen bringt.

Dazu die Instrumentalisten aus Pressburg, die sich Solamente naturali nennen und in ihrer Gesamtheit sehr expressiv und detailverliebt musizieren; da bleiben, sieht man vom eminent musikalischen Gambisten ab, nur in den heikelsten Solopartien Wünsche offen; die Oboen des Originalinstrumenten-Ensembles klingen doch mehr wie ein Plädoyer für Fälschungen.

Dafür brillierten die Gesangs-Solisten. Cornelia Horak ist eine Sopranistin von sensationellem Gestaltungsvermögen, phrasiert mit Leichtigkeit und Sinn für feinziselierte Verzierungen. Marie-Claude Chappuis tut es ihr gleich und bringt für "Erbarme dich" auch ein gerüttelt Maß an Wärme und Innigkeit ins Spiel. Mathias Hausmann singt mit großer Ruhe den Christus, Josef Wagner schlägt sich in den Bass-Arien wacker. Singulär jedoch Johannes Chum, der als Evangelist mit Wortdeutlichkeit und vokaler Schattierungskunst zum Herzen der Aufführung wird - und auch noch die Tenor-Arien übernimmt, ohne die kleinste Ermüdungserscheinung zu zeigen! Zu Recht also: Applausstürme.

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